Der Begriff «Datenstandort Schweiz» wird oft mit Sicherheit und Vertrauen gleichgesetzt. Doch diese Annahme greift zu kurz. Entscheidend ist nicht allein, wo Daten gespeichert werden, sondern vor allem, wem die zugrunde liegende Infrastruktur gehört und welchem Rechtssystem sie untersteht. Erst daraus ergibt sich echte Datensouveränität.
Das Missverständnis um den Serverstandort
Viele Schweizer Softwareanbieter betreiben ihre Anwendungen zwar mit Rechenzentren in der Schweiz, oftmals sind diese aber Teil einer Cloud-Infrastruktur von US-Konzernen wie Microsoft Azure, Amazon Web Services oder Google Cloud. Damit unterstehen sie dem sogenannten Cloud Act. Dieses US-Gesetz erlaubt amerikanischen Behörden den Zugriff auf Daten von US-Unternehmen – selbst dann, wenn diese Daten physisch in Europa oder in der Schweiz gespeichert sind.
Wie weitreichend diese Regelung ist, zeigte eine Aussage von Microsoft-Vertreter Anton Carniaux im Juni 2025 vor dem französischen Senat. Unter Eid erklärte er, dass selbst für Daten in europäischen Rechenzentren kein vollständiger Schutz vor US-Behörden garantiert werden könne.
Auch in der Schweiz blieb diese Problematik nicht unbeachtet. Ende 2025 empfahl die Schweizer Datenschutzkonferenz Privatim öffentlichen Institutionen, bei sensiblen Daten auf Lösungen zu verzichten, die auf US-Infrastruktur basieren.
Die zentrale Erkenntnis lautet deshalb:
«Datenstandort Schweiz» ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Datensouveränität. Entscheidend ist, wer die Kontrolle über die Infrastruktur ausübt.
Orientierung im Label-Dschungel
Für Kundinnen und Kunden ist es oft schwierig zu erkennen, ob eine Software tatsächlich datensouverän ist. Ein erster Blick in die Datenschutzerklärung kann helfen: Dort wird in der Regel offengelegt, welche Infrastruktur genutzt wird. Doch Vorsicht ist geboten:
- Der Hinweis «Daten in der Schweiz» kann sich nur auf den Speicherort beziehen, nicht auf den Betreiber der Infrastruktur.
- Auch ein Firmensitz in der Schweiz garantiert keine Unabhängigkeit, wenn das Unternehmen eine Tochtergesellschaft eines US-Konzerns ist. In diesem Fall greift der Cloud Act weiterhin.
Eine klare Orientierung bietet das Label «swiss hosting» von swiss made software. Es steht für zwei zentrale Zusagen:
- Die Daten werden ausschliesslich in der Schweiz gespeichert.
- Ein Zugriff durch Behörden ist nur über den Schweizer Rechtsweg möglich.
Bei Software mit diesem Label ist kein direkter Zugriff durch US-Behörden möglich. Das schafft Transparenz und Vertrauen.
Schweizer Alternativen mit echter Datensouveränität
Wer bewusst auf datensouveräne Lösungen setzen möchte, findet inzwischen zunehmend leistungsfähige Schweizer Alternativen:
Schweizerdeutsch Übersetzer App
Diese Anwendung transkribiert gesprochene Schweizer Dialekte in hochdeutschen Text und formatiert diesen automatisch, zum Beispiel als Sitzungsprotokoll oder Interview. Sie eignet sich für längere Audio- und Videoaufnahmen und ermöglicht auch die Erstellung von Untertiteln. Die App lässt sich mit MS Teams, Zoom und weiteren Meeting-Tools kombinieren oder über eine Mobile App bei Vor-Ort-Sitzungen einsetzen.
Alle Daten werden vollständig in der Schweiz durch Schweizer Unternehmen ohne US-Bezug verarbeitet.
Euria von Infomaniak
Mit Euria bietet Infomaniak eine Schweizer Alternative zu ChatGPT. Der KI-Assistent unterstützt beim Verfassen von Texten, beim Analysieren von Dokumenten und beim Beantworten von Fragen. Die Datenverarbeitung erfolgt ausschliesslich in der Schweiz und die Inhalte werden nicht für das Training von KI-Modellen verwendet.
Ausblick und persönliche Einschätzung
Die Schweiz hat im Bereich KI und Datensouveränität tatsächlich Substanz. Schweizer Hosting-Angebote für grosse Sprachmodelle (LLMs) wachsen kontinuierlich, und mit Apertus wurde im September 2025 das erste offene Schweizer Sprachmodell veröffentlicht. Damit wird es für Softwarefirmen einfacher, datensouveräne Lösungen anzubieten, ohne auf ausländische Infrastruktur angewiesen zu sein.
Zwar sind aktuelle Open-Source-Modelle in vielen Fällen noch etwas weniger leistungsstark als die grossen US-Modelle. Doch sie entwickeln sich rasant weiter. Für spezialisierte Anwendungen im Hintergrund einer Software lassen sich bereits heute Resultate erzielen, die den internationalen Lösungen in der Praxis ebenbürtig sind.
Meine Einschätzung:
2026 könnte ein Schlüsseljahr für die Schweizer Datensouveränität im KI-Bereich werden. Dank hiesigem LLM-Hosting, wachsendem Know-how in der Softwarebranche sind die Voraussetzungen so gut wie nie zuvor. Die Schweiz hat nicht nur etwas zu bieten – sie hat die Chance, eine echte Vorreiterrolle einzunehmen.
Florian Gyger, Mitglied swissAI